



Die Warterei hatte sich für die, die rein kamen, auf jeden Fall gelohnt. Selten war die Stimmung auf dem bisher eher verregneten Kirchentag so ausgelassen. Der Soundcheck, der für gewöhnlich unter Ausschluss des Publikums gemacht wird, konnte als Warm-Up durchgehen.
Becker und Hirschhausen heizten dann mit ihren Witzen den Leuten ordentlich ein: “Ein Zirkus, so viele Christen und keine Löwen”, sagte Hirschhausen. Zwei Sekunden dauerte es, bis das Publikum den Witz verstand. Der Arzt von nebenan erklärte auch warum: die eine Hirnhälfte versteht, dass das, was die andere denkt, nicht dazu passt. “Jaaaaa”, Hirschhausen zieht die zwei Buchstaben extra in die Länge – und erklärt dann in aller Kürze, was in der Zwischenzeit passierte. Die Leute lachen eben. Chemisch, physikalisch und psychologisch ist das völlig in Ordnung. Becker, der Katholik auf der Bühne, erklärte, woher die christlichen Riten und Feiertage eigentlich kommen. Die Germanen hatten ja schon ihre Götter, als diese Religion aus der Wüste kam. “Auf soviel Sand hätten wir auch eine Religion bauen können.”
Wirklich spotten tun die beiden nicht. Der Glaube ist ihnen, evangelisch wie katholisch, dann doch ernst. Religion ohne Auferstehung ist auf dem Markt überhaupt nicht mehr platzierbar, sagt der eine. Hirschhausen zaubert derweil einen Babystrampelanzug hervor. Für die Schwangeren im Saal. Wie viele es denn sind will er wissen. Zwei Frauen melden sich und das sind, entgegen aller Warnungen ob des demographischen Tsunamis, viel zu wenige. Aber vielleicht wird es ja im nächsten Sommer besser. Sommer bedeute nichts anderes als Sex, urteilt Hirschhausen nach einem umwerfend gesungenen Playback zur bekannten Maffay-Schnulze „Es war Sommer“.
Ganz andere Klänge brachte Judy Bailey samt Band auf die Bühne und damit die Halle vollends zum rocken. Als die orangefarbenen Kirchentagsschals im Rund geschwungen, dazu lauthals geklatscht und ausgelassen getanzt wurde, machte die Euphorie im Circus Krone schon Lust auf die anstehende Fußball-WM. Ein Freudenfest ohne Grenzen eben.
Der Kirchentag ist natürlich auch ein großer Markt an unendlich vielen Möglichkeiten. Er gilt als Jahrestreffen von Menschen unterschiedlichster Neigung und Gesinnung und: der Kirchentag ist ein politisches Bekenntnis. Nicht nur am Eröffnungsabend kommen Politikergrößen.
Vor meiner Nase spazierte Wolfgang Thierse heute von Halle A nach B. In Halle B5 sind die Stände der Parteien und Organisationen mit politischen und bürgerschaftlichen Engagement gut besucht. Allen voran die CSU, bei der im weiß-blauen Heimspiel die Mitglieder des Landtags und Bundestages im 30-Minuten-Takt in den schwarzen Ledersesseln Platz nehmen. Schlagkräftiges Motto für den Meinungsaustausch am Kirchentags-Stand ist das Zugpferdchen der alten Werte: “Christliche Werte – Kompass für die Zukunft.” Gleich nebenan verteilt der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU (EAK) Bonbons und Kugelschreiber. Dem Arbeitskreis sind überwiegend evangelische Unionsmitglieder angeschlossen, die “wegen ihres Glaubens und seiner Grundlagen in den Unionsparteien einen Beitrag zu einer vor Gott und den Menschen verantworteten Politik leisten wollen.” Eine Brückenfunktion zwischen Partei, Kirche und Gesellschaft wollen sie sein und Christen zum profilierten politischen Engagement ermutigen.
Die FDP als “Liberale im Gespräch”, sucht den Dialog mit allen Kirchen und Religionsgemeinschaften. Der erste Satz auf dem Handzettel ist ein Zitat aus den “Wiesbadener Grundsätzen” beschlossen auf dem Bundesparteitag der FDP am 24. Mai 1997: Darin heißt es: “Jeder Mensch hat das Recht, seine Lebensziele zu bestimmen, nach seinem Glück zu streben, seine Chancen zu suchen, um seine Neigungen und Begabungen zu entwickeln – alleine oder in frei gewählten Gemeinschaften.” Bebildert ist der Flyer mit Westerwelle – im Gespräch mit dem Dalai Lama, mit Charlotte Knobloch, dem Abtprimas Dr. Notker Wolf und mit Axel Ayub Köhler, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland.
Interessantes Material findet sich am Stand von Bündnis90/ Die Grünen. Auf umweltfreundlichem Papier macht der Titel “Zur Aktualität der zehn Gebote – Wegweiser für ein gelingendes Zusammenlegen” neugierig. In einer pluralistischen und verunsicherten Gesellschaft können die Zehn Gebote die Menschen an ihre Verantwortung erinnern, meint der „Landesarbeitskreis Christinnen und Christen“ darin. Und weiter: Der Mensch kann sich in den Geboten als freiheitliches Wesen wiederfinden. Hoffnung machen die Auslegungen, die vom Landesarbeitskreis zu jedem der Gebote verfasst und niedergeschrieben wurden.
Am meisten Aufsehen erregt „Die Linke“, in direkter Nachbarschaft zur Rosa Luxemburg Stiftung, der Auf-Partei und der Konrad Adenauer Stiftung. Knallrot sind die Plakate und im Schriftbild einer großen Boulevardzeitung sehr ähnlich prangen auf ihnen die Schriftzeichen “Gott und die Welt”. Raju Sharma, religionspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke grüßt solidarisch. Es könne durchaus überraschen, die Linkspartei mit einem Stand und einer inhaltlichen Veranstaltung auf dem Kirchentag anzutreffen, meint er. Die Linke will sich weder als religiöse, noch als anti-religiöse Partei verstehen. Alle Menschen sollen darin Platz finden, die für soziale Gerechtigkeit und gegen Krieg streiten wollen. Ein anderes Plakat fällt noch mehr ins Auge: “Ich liebe Dich – Die Linke”. Sehr ungewöhnlich.
Entsprechend später fing das Programm mit dem klangvollen Namen an. “Esperanza”, das waren Lieder und Texte wider den Luxus der Hoffnungslosigkeit. Eine Meditation aus Lukas 19 las Steffensky zunächst. Ergreifend schön klangen Ton und Text und wurden durch die wunderbaren Rhythmen und Melodien aus Lateinamerika zur Exkursion in die Seele. Von der Schönheit, der Magie und dem Himmel, der pulsiert und atmet, sprachen dann die Texte, die Dorothee Sölle geschrieben hatte. Steffensky, der mit ihr verheiratet war, befand, die Texte gehören auf einen Kirchentag. Damit hatte er zweifelsohne recht und, mehr noch, die Einheit der Lyriker, weit über den Tot hinaus, wurde greifbar nahe. Ohne Schrecken sprach Steffensky von den Toten, deren Träume wir weiter leben. Vom Wind, der an Pfingsten weht und von dem Geist, der tröstet und in die Wahrheit führt. Trost und Wahrheit seien nicht voneinander trennbar.
“Es gibt Menschen, die ertragen es nicht, eine Herkunft zu haben” sagte Steffensky. Damit seien sie gezwungen, Originale zu sein. Immer an erster Front müssen sie stehen. Dabei hieße eine Herkunft zu haben, nicht an sich selbst verhungern zu müssen. Dann sprach er über die “Alte Dame Kirche” und fand eine Sprache, die das Wünschen lehre. Wünschen mache den Menschen schön. Und die Trauer bergen die Wünsche in sich, wenn man die eigenen Träume mit denen Gottes für die Menschen vergleiche.
Wann die Wahrheit an den Menschen sichtbar werde? Die Frage darf offen bleiben. “Hier wohnen kleine Menschen, die nicht die Türme in den Himmel bauen” – so stellte sich Dorothee Sölle wohl die Christen-Siedlungen vor. Geben tut sie es bis heute nicht. Und jeder, der sich für diesen Abend im Auditorium entschieden hatte, die Texte mit fühlte und bei den Rhythmen mit swingte, wird es wissen: Die Sprache für die Hoffnung und die Wünsche bliebe wohl erhalten. Weit komme die Sprache her, doch sie ist nicht alles. Auch die Gemeinschaft bliebe erhalten. Das Reich Gottes wird erst noch vollendet.

Dafür wird er von der Fangemeinde auf Youtube auch gelobt. “Sprachlich ansprechend und geistreich” titulierte neulich jemand. Zudem wird die Stimme des Newcomers und das bescheidene Auftreten gerühmt. Die Bühnen-Genügsamkeit war es auch, die bei dem Auftritt auf der Theresienwiese zuerst auffiel. Zumindest denen, die Jasper bis dato noch nicht kannten. Für weite Teile des Publikums war er während des Gigs nicht einmal zu sehen. Er stand zu weit abseits auf der Bühne. In der Mitte sollte später Christina Stürmer rocken. Dann aber, bei seinem zweiten Auftritt an diesem Abend, verriet Jasper, dass auch er 2011 wieder zum Kirchentag kommen wird. Das habe er eben hinter der Bühne ausgemacht, sagte er und rückte dabei sein Mikro zurecht. In Dresden darf er übrigens in der Mitte der Bühne stehen und mehr als nur vier Lieder singen. Herrlich, die Klicks auf Youtube werden weiter steigen. Glückwunsch dazu!
Was die Barmherzigkeit von uns fordere, sei ebenso herausfordernd, wie das Gericht, meinte Kemmerer. Aus ihrer Erfahrung wisse sie, dass selten soviel Hoffnungen in Richter gesetzt wurden, wie in dieser Zeit. In der Szene im Matthäus-Evangelium allerdings trete kein Verteidiger auf. Die Sache ist entschieden. Das Urteil steht fest und wird nur noch verkündigt. Die Rückfragen: “Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben?”, zeigen, dass weder für die Angeklagten, noch für die Freigesprochenen die Sache so eindeutig war. Der Richter aber ist sich seiner Sache sicher. Auch dann, wenn er in Jesus Christus wieder kommt. “Dann geht es um das Ganze. Um den Punkt der Wahrheit, an dem alle Zukunft beendet ist und doch erst alles beginnt.”
Bis dahin, so Kemmerer, bleibe uns die absolute Wahrheit verschleiert und alles, was wir erkennen, bleibt fragmentarisch und Stückwerk. Daher müsse auch die Minderheit verteidigt werden und neben der eigenen Meinung bleibt stetig zu hoffen, dass auch die andere gelten könne. Kemmerer betonte auch, dass durch das Gericht, durch Verwandlung und Neubeginn, das verheißene Ziel erreicht werde. Bei dieser Bibelbetrachtung wolle sie das Portal aber nicht durchschreiten, sondern das Gericht betrachten.
Jeder für sich sei nicht der einzige, der hoffe, das könne das aus dem Bibeltext abgeleitet werden. Es gibt ein großes “Wir”. Die Kirche, das Volk, ein Universalgericht. Der Richter, dessen Aufnahmefähigkeit unsere Vorstellung weit überschreite, sehe das Netzwerk an sozialen Beziehungen und die ganzheitlichen Verflechtungen. Zwar könne jede Tat für sich gewürdigt werden, im Gericht gehe es ums Ganze. Als Horizont, der hinter unserem Leben steht, schaffte Jesus Gemeinschaften. Uns voran und alles verbindend. Er selbst steht da als der Geringste, dem wir im Nächsten begegnen. “In dieser Kultur der Anerkennung tritt jeder dem anderen mit Würde gegenüber.”
Möller griff die Frage auf, ob die Liebe der Maßstab eines Gerichtes sein kann. “Die Liebe und Barmherzig als Maßstab bleibt dennoch eine Gerichtsszene und Vergebung ist nicht für alle vorgesehen.” Schließlich fragten laut dem Matthäus-Evangelium beide den Herrn. Die einen, wann sie Gott kleideten und die anderen, wann sie ihn nicht kleideten. In beiden Fällen, so Möller, gehe es um Schuld. Eine Schuld, ohne die es keine Freiheit gebe. Wenn man das Ende bedenke, an der nur noch die Seele und die Schuld bliebe, müsse man die Möglichkeit akzeptieren, die Schuld bekennen zu können.
Mit dem Bibeltext werde man nicht ins Reine kommen, so Möller abschließend. Denn vorstellen könne man sich beides nicht. Die Unterscheidung von den Böcken und den Schafen könne man nicht ertragen. Die Erlösung als etwas von vornherein gegebenes können man nicht annehmen und die Liebe, die Gericht und Verurteilung zu lasse, übersteige den Verstand. Was bleibt ist ein Trost: “Alles, was wir tun, ist erst das Vorletzte und steht im Schatten des letzten Gerichts.”