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07.06.10

Axel Kühner: Ein Lächeln macht die Runde


“Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.” sagte Friedrich Nietszche damals. Nun, vielleicht sehen ein paar Christen nach diesem kleinen Büchlein etwas erlöster aus. Denn heiter sind die 55 Episoden schon, die Axel Kühner da an - nicht nur - fröhliche Christen weiter gibt.

Dabei haben die kurzen Anekdoten, manchmal nicht einmal ganze zwei Seiten, auch Tiefgang. Fernab jeder beißenden Boulevard-Ironie gleichen die Texte eher einer Sammlung, die auch dem jüdischen Kulturkreis entstammen könnte. Und sehr an Eugen Roth erinnern: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Mitten im Alltag wird er skizziert: eitel, fehlbar, irrend, täuschend - und echt. Deswegen liest man das Büchlein auch gerne.

Ein Pluspunkt, der jeder Episode erst die richtige Schärfe gibt, ist ein Bibelvers, meist aus den Sprüchen oder aus den Reden des Predigers. Mein Gott, was so alles in der Bibel steht! “Wie lange liegst du, Fauler! Wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?”

Also: aufstehen, kaufen, lächeln.

Hans-Martin Lübking: Kursbuch christlicher Glaube


Von Patchwork-Religion ist in diesen Tagen häufig die Rede. Herauspicken, was gefällt, liegen lassen, was wetzt und gut und gerne doppeldeutig mal in diese und mal in jene Religion hinein schnuppern. So hören sich, oberflächlich betrachtet, die Gespräche und Predigten an. Genau genommen hat jede Kirche, jede Bewegung und jede Zeit ihre Fürsprecher. Bischöfe und Ratspräsidenten und schließlich den Papst, richtungweisend und meinungsbildend. Doch auch von diesen Vorbildern werden in diesen Tagen viele Menschen enttäuscht. Von der Kirche wenden sie sich ab und aus der Kirche treten sie aus. Hans-Martin Lübking schrieb ein Kursbuch zum christlichen Glauben und zeigt damit evangelische Perspektiven auf.

Kann man diesen Perspektiven trauen? Ja, man kann. Solide, kritisch, fundiert und umfassend beschreibt Lübking die Disziplinen des christlichen Glaubens, evangelisch verstanden. Reich bebildert und übersichtlich gestaltet ist dieses Buch sehr lehrreich. Angefangen von der Frage nach dem Sinn (“Was soll das”?) über den Glauben als etwas Menschliches und dem Glauben als Bekenntnis. Und weiter dann zur Frage nach Gott und Jesus: Was wollte Jesus? Warum musste Jesus sterben? Ist Jesus auferstanden? Und ist Jesus Gottes Sohn? Den sachlichen Informationen, Predigtauslegungen und der soziologischen Analyse fehlt es an nichts.

Hier bleibt Lübking allerdings nicht stehen. Recht ausführlich widmet er sich der Geschichte der Kirche und dem christlichen Leben tief verwurzelt in den 10 Geboten, dem Gebot der Nächstenliebe und der Freiheit eines Christenmenschen. Schließlich schildert er dann das Gebet als Gespräch mit Gott, die Psalmen und das Vaterunser. Auf den letzten zwanzig Seiten schreibt er von der christlichen Hoffnung über den Tod hinaus.

Einmal mehr kommt hier ein Buch aus dem Gütersloher Verlagshaus, das interessierte wie kritische Menschen gleichermaßen anspricht. Modern und am Puls der Zeit, intelligent und auf hohem Niveau, klärt dieses Kursbuch auf über die älteste Geschichte der Welt. Der Geschichte Gottes mit den Menschen.

08.04.10

Max Lucado: "Wenn Gott dich sanft beim Namen ruft"


Die Namen, bekannt durch die Bibel, hört man ja öfter: Matthäus, Jakobus, Naomi, Ruth und wie sie alle heißen. Doch wer käme jemals auf die Idee, dass heute, brandaktuell, auch der eigene Name erwähnenswert für den Longseller “Bibel” wäre? Max Lucado stellt diese These auf. Bei anderen, neueren Autoren, würde man sagen, er wagt es. Für Lucado, längst Bestsellerautor mit mehr als 70 Büchern für Kinder und Erwachsene, ist das keine gewagte Theorie. Er hält es einfach für möglich - und aus diesem Selbstverständnis heraus schrieb er wohl dieses Buch.

Dabei muss man sich das, als Leser, einmal vorstellen: Mein Name in Apostelgeschichte acht. Warum? Nun, der Möglichkeiten gibt es viele: Ein Gespräch mit den Bekannten bei einem Gläschen Wein, eine Firmenbesprechung mit einer überraschenden Äußerung, oder ein Szenarium auf dem Flugplatz: “Entschuldigung, verstehen Sie, was Sie da lesen?” Nichts anderes sagte Philippus zu dem Kämmerer aus Äthiopien. Legendäre Worte, die heute noch jeder ausprobieren kann.

Vielleicht ist es das, was den Charme der manchmal etwas langwierigen Sätze des Max Lucado ausmacht: Die Situationen, die er kreiert, finden jetzt und heute statt. Die Grundsätze, die Anleitungen aus der biblischen Geschichte werden transparent, gebrauchsfähig und zentrumsnah. Im Zentrum des eigenen Ichs will Gott wohnen. Und wie das bei Gästen so ist: Sie hinterlassen ihre Spuren. So schenken auch die kurzen Geschichten des Max Lucado Anleitung zur Veränderung. Um das eigene Erbe zu überwinden, beispielsweise. Oder den Gerichtssaal der Beschwerde zu verlassen und nicht mehr mit den Steinen aus dem “Sack des Lebens” nach den Menschen zu werfen, die man eh schon am meisten liebt.

Für Hauskreise und kleine Gesprächsgruppen findet sich im Anhang ein “Leitfaden zum Gespräch von Steve Halliday”. Eine äußerst empfehlenswerte Ergänzung zu einem rundum gelungenen Buch.

(jesus.de)

16.03.10

Dr. Petra Bahr: Sehnsuchtsorte


Eine Stadt: Bespielte Transparenz eines jeden Passanten im Spiegel der Schaufenster. Ort der ungenau platzierten Sehnsucht, des Kaufrausches und der Träume. Geplatzter Träume, erfüllter Träume, gewagter Träume und verloren geglaubter Träume. Urbaner Raum der kreativen Klasse. Jener Menschen, die schaffend sind, erfolgreich, anerkannt und eilend. Einem großen Ziel entgegen: Der Stadt als dem Ort der Sehnsucht.

Nichts Neues, möchte man meinen. Von den Propheten bis hin zur Offenbarung des Johannes groovt, rein biblisch gesehen, die Stadt. Parallel zu Sein und Schein versucht sich der Einzelne. Mitunter verliert er sich. Dem wollen die Citykirchen entgegen halten. Mit Angeboten, Andachten, Konzepten und Gottesdiensten. Letztere halten sie hoch, die Theologen der Citykirchen in Köln, Düsseldorf, Oberhausen, Hamburg und Berlin. Und schaffen damit einen Raum, der Vielfalt predigt. “Managing Diversity” - Hochschätzung der Vielfalt - nennt das Dr. Berthold Höcker. Doch so sehr viel hält er gar nicht davon. Der Auftrag sei wichtig, sagt er. Und der lautet: Jesus Christus als Herrn der Kirche zu wissen, das Evangelium täglich neu zu übersetzen und angstfrei milieuübergreifend zu arbeiten.

Was also geht in den alten Mauern mitten in den Shopping-Meilen der Metropolen? “Gottesdienste, die manchmal schon seit Hunderten von Jahren in einer Kirche gefeiert wurden, haben sich in den Mauern abgelagert wie feine Partikel”, sagt Dr. Petra Bahr. Sie ist die Kulturbeauftragte der EKD und eine der Autoren und Gesprächspartner, die auf höchstem Niveau in diesem Band zu Wort kommen. Worte allein jedoch reichen nicht, um Städte abzubilden. Deshalb umkreiste Martin Brockhoff das Geschehen um die Citykirchen und lichtete die Wirklichkeiten. Augenblicke hielt er fest, die Menschen zeigen, mitten in ihren Manifesten, Auswegen und Hoffnungskeimen. Manchmal irritiert der öffentlich sichtbare Rezipient.

Bei der Klassifizierung zwischen Einkaufstüte und einem Bag mit Designer-Label möchte man aufhorchen. Den Habitus der Beteiligten ihnen beinahe zum Vorwurf machen. Denn, neben der edel-intelligenten Klasse haben die anderen nicht einmal eine Fußnote bekommen. Aber vielleicht ist es gerade das, was die Elite sich leisten kann - und sehen will: Sich selbst. Aus dieser Perspektive ist die Dokumentation perfekt. Ein Such-Buch für Suchende und Menschen, die etwas finden wollen.

17.12.09

Carlos Martinez: Ungeschminkte Weisheiten


Der Mann, der auch “Meister der Stille” genannt wird, schrieb ein Buch. Und das ist leise, sensibel und wischt in Ecken der Seele, in die so schnell kein langer und ausführlicher Text hinein kommt. Ausgesprochen kurz sind die Geschichten aus der “Garderobe des Lebens“. Eine Hommage an die Garderobe selbst sind die einzelnen Szenen. Carlos Martinez findet in ihr, der Garderobe, eine Weggefährtin, an die er schlussendlich eine Liebeserklärung schreibt.

In den Räumen neben der Bühne findet er die Stille. Die Stimme verstummt nach und nach, das Gesicht findet mit der weißen Schminke zu einer neutralen Identität und die Sprache der Stille wird lebendig. Hellhörig und scharfsinnig beobachtet Martinez das Leben und skizziert mit den Händen und Füßen das Einfache, das Evangelium und die Menschenrechte. Egal wie klein eine Geste auch sein mag, er schätzt sie und verleiht ihr Bedeutung. Den Feuerwehrleuten, die am Rand der Bühne stehen und ihm applaudieren, widmet er ein Kapitel. Warum? Weil sie nur ihren Dienst tun müssten, aber teilhaben an seinem Theater. Und so verwundert es auch nicht, dass es in der Garderobe des erfahrenen Pantomimen zu außergewöhnlichen Begegnungen kommt. Ein Blinder besuchte Martinez dort. Als er erzählte, dass er das Publikum hören konnte und der Stille der Kunst lauschte, beschämte das den Künstler.

“Man muss sich der Persönlichkeit entledigen, die die Gesellschaft uns darzustellen zwingt, bis wir auf unser wahres Selbst stoßen: unverstellt, sauber, verletzlich.” Im Scheinwerferlicht, mit einem Gesicht, weiß geschminkt wie eine Leinwand, mag das gehen. Die Geschichten, die dabei entstanden sind, verzaubern. Sie umhüllen den Künstler und Autor wie Puder, den er bald mit den Händen und Augen liebkost und darin mitunter eine unsichtbare Tür darstellt, durch die es durchzugehen lohnt. Doch gehen muss jeder im Publikum selbst. Er schreibt, von allen Elementen, die seine Auftritte ausmachen, habe er auf eines am wenigsten Einfluss: Das Publikum. Denn es habe nicht geprobt. Wir Leser auch nicht. Tosenden Applaus für die Premierevorstellung der “Ungeschminkten Weisheiten”.

24.11.09

Werner Tiki Küstenmacher: "Alle Jahre widder"



Jeder kennt sie: die losen Zusammenkünfte in den Wochen vor Weihnachten. Doch nicht jeder kennt die Lieder, die gesungen werden, wenn es nach Glühwein duftet, Tannenzweige und Nüsse um die Kerzen herum liegen und die lieben Kleinen vor Ungeduld nicht auf dem Stuhl sitzen können.

Zwei oder drei Liedchen gehören in jedes gute Programm einer Weihnachtsfeier. Halten sie doch die Spannung aufrecht, bis der Nikolaus kommt oder fördern das Miteinander, bis die Lose der Tombola ausgegeben werden. Und damit alle, vom Prokuristen bis zum Azubi, um keinen Liedtext mehr verlegen sind, schuf Werner Tiki Küstenmacher dieses geradezu geniale Werk: Das Weihnachtsliederlernbuch.

Mit Hilfe von Eselsbrücken vermittelt der Meister der gezeichneten Schäfchen auch noch die Strophen vier und fünf der neun gängigsten Weihnachtslieder. (Die ersten drei: “Alle Jahre wieder“, “Ihr Kinderlein kommet“, “O du fröhliche“) Bebildert gehen die Lieder (drei bis sechs: “Stille Nacht”, “Es ist ein Ros entsprungen”, “Ich steh an deiner Krippen hier”) in Richtung Weihnachtslieder-Comic, haben aber durchaus geistreiche und geistlich tiefsinnige Nuancen. Quasi als Lernzielkontrolle gibt es dann die Bildchen ohne den Liedtext. (sieben bis neun: “Es kommt ein Schiff geladen”, “Kommet ihr Hirten”, “Lobt Gott ihr Christen alle gleich”) Tipp: auch nach der Weihnachtsfeier ruhig noch einmal die “ganz große Weihnachtsmeditation” zu dem Hit “Ich steh an deiner Krippen hier” lesen. Lohnt sich!

(Jesus.de)

27.10.09

Dominik Klenk: Gender Mainstreaming


"Gender Mainstreaming" - das bedeutet laut offizieller Seite des Bundesministeriums die tatsächliche Gleichberechtigung von Mann und Frau. Basierend auf der Annahme, es gebe keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit, ist die Regierung bestrebt, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Mann und Frau zu berücksichtigen. Zusätzlich fördert das Ministerium das GenderKompetenzZentrum, ein anwendungsorientiertes Forschungsinstitut an der Humboldt-Universität in Berlin. Von hier aus soll die Qualitätssicherung von Gender-Wissen bei der Umsetzung in die Praxis unterstützt werden.

Beschäftigen sich einerseits Professoren und Expertisen auf Bundes- und EU-Ebene mit dem Thema der Gleichstellung, kommen aus dem christlichen Lager gänzlich andere Denkweisen. Dominik Klenk, Prior der Kommunität "Offensive Junger Christen", stellte mit fundiert wissenschaftlich arbeitenden Autoren enorm wichtige Beiträge zusammen. Sie möchten Aufschluss geben über das bisher wenig öffentlich diskutierte Thema "Gender Mainstreaming". Und das, obwohl die Bedeutung und letztlich die Konsequenz keinen Einzug hält in Lehrplänen und akademisch konstruierten Programmen.

"Gender Mainstreaming sei kein Begriff", so der Grundtenor der christlichen Autoren. Im Aufsatz zur Chronik dieser Ideologie schreibt Monika Hoffmann, wie die Auswirkungen der Maßnahmen gesellschaftlich sichtbar werden. Dann nämlich, wenn die Prinzipien in die Tat umgesetzt und Kinder und Jugendliche in ihrer Rollenfindung als Mädchen oder Jungen durch die Gleichschaltung der Geschlechter empfindlich beeinträchtigt werden. Die Folge seien nach Ansicht von Klenk & Co. schwere Identitätsprobleme, sowie angelernte und „entleibte Lebensmuster“. Allerdings schieben sie die Lösung gleich hinterher: die Schäden können geheilt werden. Wenn der Mensch es lernt, in eine gesunde Beziehung zu finden. Und das "ich" dem "du“ in dieser Beziehung begegnet.

Hier verlassen die Autoren die Bühne der Politik und wenden sich komplett der Bibel und dem christlich orientierten Rollenverständnis zu. Naturgemäß beginne die Geschichte von Mann und Frau in Genesis. Gott sprach den Menschen an, damit er sich - und sein Gegenüber - erkannte. Im Parallelismus eines männlichen und weiblichen Geschöpfes sei der Mensch vollkommen, so der Denkansatz, der wiederum konträr zur Ideologie des Gender Mainstreaming steht. Anlasten möchte man den theologisch versierten Spezialisten, dass sie die Vollendung des Geschöpfes ausschließlich in einer Paarbeziehung verwirklicht sehen. Die Einzigartigkeit eines jeden einzelnen Menschen wird an dieser Stelle leider nicht erwähnt. Die Findung der eigenen Identität gerät hier durch die Verlagerung des Heilungsprozesses in die Paarbeziehung beinahe unschön aus dem Gleichgewicht. Andererseits tut es gut zu lesen, dass “die durch den Schöpferwillen Gottes gegebenen Geschlechtlichkeit nicht ausgelöscht, sondern nur tief verletzt werden kann.” Grundsätzlich jedoch sei die Ehe zwischen Mann und Frau ein “befriedeter Raum“.

Als Beispiel der “Unkultur der Entleiblichung” zog eine der Autorinnen Michael Jackson heran. Die eigentliche Faszination sei die “allmähliche Mutation des afroamerikanischen jungen Mannes in ein Kunstwesen ohne erkennbare Hautfarbe, Alter und Geschlecht.” Er sei ein Paradebeispiel dafür, den Leib selbst neu erschaffen zu wollen. Doch obliegt es einer jeden Konstruktion, in ihre Einzelteile zu zerfallen, so Ìrisz Sipos. Ebenso kritisiert die Redakteurin der OJC die Chats und Blogs, in denen mit einer anderen Identität in den “entleibten Austausch” getreten werden kann.

Letztlich hat diese Lektüre die Bestnote verdient. Denn die eigentliche Aussage beinhaltet den von Christus geschenkten Frieden für die eigenen Grenzen. Es ist möglich, so der Grundtenor, den eigenen Leib, auch in der Begrenzung durch die Herkunft, der Generation und des Geschlechts, anzunehmen. In der Beziehung Gottes zum Menschen dürfte das staatlich gelenkte Verlernen der Geschlechterorientierung nicht weiter irritieren. Ob die Autoren um Dominik Klenk der lauernden Gefahr der Gleichschaltung vielleicht zu fest ins Auge gesehen haben, bleibt fraglich. Ebenso, ob der Widerruf, so er denn in diesem Umfang berechtigt ist, laut genug war. Einen Versuch war es wert. Und als solcher darf er gut bewertet werden.

(jesus.de)

Grit Hübener: Grenzwege


Darf man selbst eine glückliche Kindheit in der DDR gehabt haben? Andreas stellt sich diese Frage. Er ist einer von 22 Pilgern, die mit Grit Hübener die Grenzwege beschritten. Sieben von ihnen erzählen eindrucksvoll von inneren und äußeren Begegnungen auf dem Weg im Niemandsland.

Büsche und Sträucher sind dort gewachsen, wo zu Zeiten der DDR Minenfelder und Stacheldraht Verwandte, Freunde und Nachbarn trennten. Die Umkehr zum versöhnten Leben schafften die Pilger aus Ost und West während ihrer achttägigen Wanderung zwischen Berlin, Frankenheim, Philippsthal und Silkerode.

“Es war ein Grummeln spürbar”, beschreibt Thomas-Dietrich Lehmann (“Leh”) die Stunden vor der Grenzöffnung. Von der Bornholmer Straße, wo sich gegen 22.30 Uhr die ersten Schlagbäume öffneten, war er keine hundert Meter entfernt. “Das war wie ein Verkehrsunfall”, sagt er. “Man ging hin und schaute zu.” Am 11. November demonstrierte er gegen eine Aktion einer Supermarktkette. Sie verteilten Bananen und Schokoladepäckchen mit Stadtplänen, auf denen die hauseigenen Filialen eingezeichnet waren. Über Grenzen zu gehen sei die ureigenste jesuanische Tradition. Und: die eigentliche Wende stünde Deutschland noch bevor. Im Nachwort drückt Claudia, auch sie pilgerte die Wege in der Gruppe, ihre Gedanken so aus: “Ich habe begriffen, dass man ihnen diese unglaubliche Revolution abgesprochen hat, indem man sie als Wende titulierte.”

Den Weg der Versöhnung schlug Pfarrer Alfred Spekker ein. Nach seinem Ehebruch wurde er in ein Grenzdorf versetzt. Offen und ehrlich sprach er über seine familiäre Situation und gewann damit das Vertrauen der Gemeindemitglieder.

Andere Erfahrungen machte die Kindergärtnerin Elisabeth Böhme in einer katholischen Tagesstätte. Sie glaubte an den Schutz der kirchlichen Einrichtungen. Bis ihr die dokumentierte Kopie eines Briefes in die Hände gelang, den sie vor zwanzig Jahre an eine Verwandte im Westen schrieb. Der Inhalt war harmlos: “Die Erdbeeren sind jetzt alle eingekocht.”

Es ist der Feinschliff der menschlichen Tragödien, der dieses Buch zu einem unverzichtbaren Werk im deutsch-deutschen Dialog macht. “Es sind doch Menschen wie du und ich”, resümierte der Grenzer als er über den See in den anderen Teil Deutschlands schaute. Es sind Menschen wie du und ich, die von den Geschichten aus Ost und West zwanzig Jahre nach dem Mauerfall tief berührt werden können.

(jesus.de)

Tamara Hinz: Der Himmel ist mein Wäschetrockner


Voller Geigen hängt der Himmel im Leben von Tamara Hinz nicht. Sie ist Mitte 40 und die vier im Haushalt lebenden Teenager setzen zum Sprung in das Erwachsenenleben an. Über ein Jahr lang darf der Leser die Höhen und Tiefen in ihrem Leben als Ehefrau und Mutter in ihrem Tagebuch nachlesen: launisch, manchmal ausgelassen fröhlich und dann wieder wütend und depressiv.

Durch die Alltags-Stolpereien hindurch verfolgt sie ihre festen Grundsätze. Gesunde Grenzen zu setzen, auch mal “Nein” zu sagen und die Balance der eigenen Mitte zu finden. Die Antwort auf die Frage, warum sie mit diesen teils sehr persönlichen Geschichten an die Öffentlichkeit geht, gibt sie gleich selbst: Sie will dem normalen Leben eine Bühne geben. Auf dieser Bühne tummeln sich allerlei Gedanken und Gefühle, die sie teils wochenlang mit sich schleppt und manchmal verwirft. Manchmal kann sie aber auch die Auflösung eines Gefühlsknotens feiern.

Ohne Tabus berichtet die Autorin davon, manchmal lieber Astronautenfrau als Pfarrfrau sein zu wollen. Denn das All ist weit weg. Ebenso ungeschminkt schildert sie das nervenaufreibende Gezeter mit den pubertierenden Jugendlichen. Völlig überdreht wirkt eine Begegnung mit zwei alten Damen, die sich mit Wellness-Marmelade stimulieren. Und besonders rustikal erlebt der Leser den Tagebucheintrag über eine Blasenspiegelung.
Schonungslos stürzt man von einer Situation in die Nächste, von bewegenden Momenten in den lahmen Alltag. Von aufgewühlten, nachdenklichen in befreite Seelenzustände. Die meisten Momente der Pfarrfrau sind vom Gemeindeleben geprägt. Und von ihrer Rebellion gegen die (immer noch) allzu frommen Phrasen in Gemeinden.

Besonders lesenswert sind die “Spaziergänge mit Jesus“. Tamara Hinz schleicht Jesus in die biblischen Geschichten hinterher, setzt sich mitten in die Szenen und beobachtet in ihrer Fantasie die Charaktere, die darin eine Rolle spielen. Das bringt sie weiter.

Alle ihre Erlebnisse sind sprachlich originell verpackt. Und am Ende ist es gut, dass sie ihre eigenen Gedankenstaus, Wutausbrüche und Versöhnungsorgien zu Papier gebracht hat. Sehr gut!

(jesus.de)

Brad Jersak: Den Aussätzigen küssen


Ein Buch von absoluter Schönheit.
Absolut?
Ja.
Schon auf den ersten Blick.
“Den Aussätzigen küssen” - der Titel vertreibt, wenn man denn will, den Aufstand gegen das Niedere. Gegen den Ekel, das Zersetzte, das "Hässlich-und-anders-sein". Durch die Flicken des Zerrissenen und Ungeformten scheint Jesus. Der Heile und Segnende. Der Sanfte ohne Berührungsängste.

Und auf den zweiten Blick?
Auch.
Eugen Peterson, in diesem Fall der Vorwort-Schreiber, ist ein Schön-Seher in Crack-Häusern, Rollstuhlfahrern, Flüchtlingslagern und autistischen Kindern. Peterson ist der Blick-Schärfer für die Jesus-Sichtungen unter den Verlorenen und Ausgesetzten.

Brad Jersak, Pastor der “Fresh Wind Christian Fellowship” und Autor dieses Buches, ist inspiriert von Franz von Assisi. In jedem noch so weit von der Gesellschaft verstoßenen nimmt er Jesus wahr. Erst mit den Augen, dann mit den Armen und schließlich mit dem Kuss des Bruders.

Leider kann Jersak über die Seiten nicht halten, was das Buch auf den ersten Blick verspricht. Die Menschen, die er schaut, kommen selbst wenig zu Wort und es bleibt zumeinst bei der Draufsicht auf ihr Leben. Die Augenhöhe scheint nicht ganz die gleiche zu sein, wenngleich der Fokus auf die Schwäche gerichtet ist. Eingebettet in Szenen zwischen oft überschwänglichen Lobpreis, macht sich Skepsis breit. Fragen drängen sich auf, ob ein Mensch wirklich vollends zerbrechen muss, um zu tiefen Begegnungen fähig zu sein. Und: warum schreibt Jersak durchwegs über die Brüche der Protagonisten, nicht aber von eigenen?

Des weiteren spricht er sich für eine weit gefasste Form des Abendmahls aus. Der jederzeit und für alle offene Tisch des Herrn bewirkt bei mir eine Vorstellung von Unruhe und Unordnung. Jersak schreibt aber von einer “inklusiven Einladung und exklusivem Dienst”. Verwirrend sind die hinteren Kapitel: “Der Herr verlässt die Festtafel und geht durch die schmale Tür nach draußen.” Denn, so Jersak, weit ist die Pforte nach innen und eng die nach draußen. Die letzten Kapitel handeln von der Feindesliebe und den Seligpreisungen. Nicht schlecht, nur, bis dahin kam das Vertrauen in den Autor bereits abhanden.

Ich werde prüfen (müssen). Das geht nicht von heute auf morgen.

(jesus.de)

Hermann Häring: Im Namen des Herrn


“Wir sind Papst” gilt nicht für alle. Hans Küng ist es nicht und Hermann Häring auch nicht. Dabei waren beide nah dran.

Der eine, Küng, ein ehemaliger Student an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der andere, Häring, emeritierter Professor für Wissenschaftstheorie und Theologie. Zudem wissenschaftlicher Berater der Stiftung “Weltethos”, jenes Werk, das einst Küng initiierte und dessen Präsident er heute ist.

Küng, der mit dem bekannteren Namen, schrieb das Vorwort. Das Kleingedruckte zuerst, nicht mehr als vier Seiten. Häring übernimmt dann den Rest. Dem Inhalt nach könnte man einiges erwarten. Die grundsätzliche Verständigung mit der evangelischen Kirche stünde an. Mit den Juden ebenso. Der Dialog mit den Muslimen liege im Argen, mit den Urvölkern Lateinamerikas, den afroamerikanischen Völkern und den modernen Wissenschaften. Ja selbst mit den Katholiken klappe es nicht. Klingt, als könnte morgen schon der Weltfriede ausgerufen werden. Doch scheinbar hört für die renitenten Kritiker der Weltfriede vor den Toren des Vatikan auf.

Nicht nur das, Häring ist gar der Meinung, von hier aus würde der Friede nachhaltig gestört. An der Basis, dort, wo das Kirchenvolk lungert. Deshalb der Aufschrei der versierten Theologen. Nur, den Schlachtruf der Einheit stellt sich der besonnene Kirchgänger anders vor. Leiser, irgendwie.

Nachgeschlagen und rein gelesen vollführt Häring eine ausgeklügelte, ratzinger-scharfe Schelte. An sich ist das nichts Neues von dem Duo aus Tübingen. Doch warum ausgerechnet der Papst? Was ist dran an dem Mann aus Marktl am Inn?

Neuerliche Aufregung scheint die Pius-Frage zu sein: Wusste Papst Benedikt XVI. von den antisemitischen Äußerungen der Piusbruderschaft? Man erinnert sich an Richard Williamson. Nahm der Papst, von anderer Seite als brillanter Theologe mit salbungsvoller Gesinnung geschätzt, die Kommentare des Holocaustleugners billigend in Kauf? Oder war er schlicht miserabel informiert und muss damit sich und seinen Apparat in Frage stellen? Küng fordert den Rücktritt. Häring würde vermutlich mit unterschreiben.

Der Papst unterschreibt indessen die Enzyklika “Caritas in veritate“ (Liebe in Wahrheit). Darin wettert er gegen den Wildwuchs des Kapitalismus und appelliert an die Wirtschaft der Ethik. Die Publikation der Herren Küng und Häring sieht er, wenn überhaupt, dann vermutlich gelassen. Der Pontifex fordert mehr Einfluss für internationale Gruppen, allerdings ausschließlich auf der Grundlage des als Wahrheit angesehenen christlichen Glaubens. Und da schwelt er wieder, der Konflikt.

Auf dem Einband des Buches fällt ein Schatten auf das Gesicht des Pontifex. Verfinstern wird es sich nicht. Er ist es wirklich, er ist der Papst.

(jesus.de)

Jens Böttcher: Steiner.


Steiner.

Wie viele Kilometer Spielzeug-Eisenbahnschienen sind es von von Österreich bis nach Italien? Acht Kilometer hat Professor Rückert bereits verlegt – und in seiner Fantasie reist er über die Alpen. Rückert ist der Professor des Sanatoriums, in das sich Steiner neureich selbst eingewiesen hat. Als entseelten Trinker, niveaulos wie ein klebriger, dreckiger Kneipenfußboden.

Dabei ist Steiner alles andere als eine gescheiterte Existenz. Er ist ein Sinn-Suchender. Ständig unterwegs in der unüberwindbaren Wüste zwischen lodernder Sehnsucht und löschender Realität. Nichts ist nur gut – und nichts ist nur böse. Denn “alles, was schön ist, hat die Kraft, dich umzubringen. Und alles, was die Kraft hat, dich umzubringen, kann nie und nimmer schön sein“, sinniert Steiner, der kurz bevor er an den Fragen des Lebens zerschellt Irene kennenlernt. Jenes Wesen, das seine Seele wärmt und nährt.

Böttcher spielt mit einem großen reichen Wortschatz. Er hat die Gabe, eine Vielzahl an Wörtern physikalisch so perfekt aneinander zu binden, dass das sprachliche Ergebnis einleuchtet wie die Erfindung der Glühbirne. Seinen Protagonisten, allen voran Steiner, entgeht nichts. Er fängt das Licht vom flackernden Docht eines letzten Kerzenstummels auf dem Tisch bis zum feuerroten Lichtstreif am Horizont. Steiner umfasst alles Greifbare, haptisch Wahrnehmbare und wendet sich gleichsam nach innen. Seine Geschichte ist so profan wie ein Ausflug vom Ententeich zum Seelenschmerz. Es könnte die Geschichte von jedem von uns sein.

„Steiner. Oder: die merkwürdige Lebensreise eines möglicherweise zurecht verrückten Gemüts auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel, an dessen Erreichen sich nicht geringe Hoffnungen knüpfen“ ist ein sehr intensives Buch. Man begegnet Charakteren, denen man die Hand schütteln möchte, sie in den Arm nehmen oder ihnen gehörig den Kopf waschen. Nach all den Begegnungen mit Steiner, Rückert, Hohenstein, Elisabeth und Irene fragt man sich natürlich: wer ist der Mann, der dieses Buch geschrieben hat? Wer ist Jens Böttcher?

Beim Streifzug durch seine (äußerst interessante!) Homepage findet sich ein Hinweis auf jenes Ereignis, das Böttcher als biographisch bedeutendstes betrachtet: sein Weg vom melancholischen Suchenden zum bekennenden Christen. Nach abenteuerlichen Glaubenserlebnissen wurde er durch einen amerikanischen Pastoren in einer Hotelbadewanne getauft.

Ob sich dieses Erlebnis mit dem Höhepunkt im Leben des Johannes Steiner deckt, bleibt offen. Steiner sinkt auf eine Parkbank, als er sich der unbeschreiblichen Liebe des Himmels hingibt. „Der Güte Gottes, jener Flut der Liebe, die mein ganzes Sein in dieser Sekunde durchströmte wie ein klarer Gebirgsbach an einem goldenen Frühlingsmorgen.“

Authentisch, oder auch nicht, der Autor stellt ein Friedensangebot an sich, den Himmel und an Gott. Absolut lesenswert!

(jesus.de)


Roger E. Olsen: Gott und die Hütte


Es ist schon erstaunlich: Kaum ist ein Bestseller auf dem Markt - fast jeder denkt bei “Die Hütte” an die 6 Mio. verkauften Exemplare allein in den USA - schon gibt es dazu ein Begleitbuch. Ein theologisches Making-Off sozusagen, mit einem ähnlich gestylten Einband wie das Original. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart das 190-Seiten starke Taschenbuch von Roger E. Olsen einen anderen Blickwinkel. Man möchte sagen, der Scheitelpunkt des Olsen-Buches ist tatsächlich Gott: “Gott und Die Hütte - Was ist dran am Gottesbild des Weltbestsellers?”

Olsen tastet sich vorsichtig, aber zielgerichtet heran. Theologisch betrachtet passe so manche Aussage im Original nicht zum Panorama der Bibel, schreibt er. Und bleibt dabei dem Autor William P. Young gegenüber stets sachlich und fair. Dem Panorama-Bild schiebt Olsen hinterher: “Die Hütte”, als Gesamtwerk betrachtet, male ein Bild von Gottes Wirken, das plausibel, tröstlich und biblisch sei. Nun kann man Roger E. Olsen schlecht die Merkwürdigkeiten von “Die Hütte” anlasten”. Wohl aber, wenn er mit ihnen d´accord ginge. Entscheidend für die Bewertung dieses Buches ist also die Frage, wie differenziert er das tut.

Wenn es ganz hart kommt, hält Olsen seine eigene theologische Ansicht fein raus. Beispielsweise dann, wenn Gott in “Die Hütte” keine Hierarchie kennt. Nach Young ist das Wesen Gottes, die Liebe, ein immer währender “Beziehungskreis”. Hier lenkt Olsen den Fokus auf jene Christen, die auf Recht und Ordnung im Hause Gottes bedacht sind und deshalb “die Hütte nicht mögen werden.”

Allerdings nimmt sich Olsen nicht immer zurück. Problematische Stellen sieht er durchaus und benennt diese auch. Dann nämlich, wenn nach Young der Vater, der Sohn und der Heiliger Geist gemeinsam “in das menschliche Dasein eintauchen und als Sohn Gottes alle Begrenzungen akzeptieren”. Olsen vertritt die Ansicht, nur der Sohn wurde Mensch - der Vater und der Heilige Geist hingegen nicht. Ebenso ging nach Olsen Jesus allein und vom Vater getrennt ans Kreuz, während bei Young Gott den Sohn niemals verließ. Olsen ist es hier ausgesprochen wichtig, dass der Vater nicht zusammen mit dem Sohn gestorben ist.

Roger E. Olsen ist es fast durchgehend gelungen, die Popularität von “Die Hütte” zum Anlass zu nehmen, um eine unabdingbar frohe Botschaft auch froh- und freimachend zu präsentieren. Alle Achtung!

(jesus.de)

Jens Böttcher: Der Tag des Schmetterlings


Jens Böttcher gehört zweifellos zu meinen Lieblingsautoren. Mehr noch: er ist es. Genau genommen ist das so, seitdem “Steiner” (2007) die “merkwürdige Reise eines möglicherweise zurecht verrückten Gemüts auf den Weg zu einem unbekannten Ziel” antrat. Der Steiner blieb hängen. Der Böttcher auch.

Dieses Jahr im Frühjahr, eines schönen Tages im Mai, flatterte ein roter Schmetterling in meinen Postkasten. Grüner Einband, Brendow-Verlag, Jens Böttcher, Short Stories. Acht Geschichten und acht mal dieses Kribbeln im Bauch. Welche Namen erfindet Böttcher diesmal für die Protagonisten, diese allesamt missratenen Nieten? Abgedrehte Typen sind es, die alle einmal etwas werden wollten. Abgestürzt und abgehängt wurden sie vom Leben, vom Sein und vom Selbst.

Gut, der erste heißt “Herr Meier”. Immerhin gibt es da noch Daniela, die Ticket-Knipse und Rolf und Hertaschätzchen. Dann, in Short Storie Nr. 2, begegne ich Hubert Kaminski. Einem geschiedenen, arbeitslosen, deutsch-polnischen Übersetzer von Versandhauskatalogen und passionierten Werbe-Blechschilder-Sammler. Ein Schmetterling flattert in sein Leben. Kaminski beginnt sich zu freuen. Er fängt an, mit dem Schmetterling zu reden. Der Schmetterling tanzt im Wind. Und da ist es wieder: dieses Böttcher-Lese-Fieber. Worte. Er erfindet sie nicht neu. Doch so, wie eine Sinfonie aneinander gestückelt, setzen sie eine Ur-Melodie in mir frei. Erst hacken die Worte die Seelen-Kruste auf, graben tief und dreckig und blasen den Staub von den Seelen-Kanten. Dann bewässern sie die Daseins-Furchen. Mit Gottes-Erde. Gottes-Liebe. Gottes-Tank. Einfangen lässt sich das nicht. Der Schmetterling übrigens auch nicht. Es sind Wind-Texte.

Die anderen Protagonisten heißen übrigens Gebhard, Hochstätter, Hellmann und Miss Sibyll. Walter Grolle, der Vorletzte von Acht, ist ein Einsamer. Ein Unverstandener, der keinen Partner findet für seine Gedankenwelt. Abends, als er beim Einschlafen die Schafe zählt, stellt er sich vor, sie sprächen ihm Mut zu. Und würden gleichzeitig ihre gesamte Wolle abwerfen, um sein Herz über Nacht ein wenig von innen zu wärmen.

Maria, die Seelentänzerin, erlebt beim Entschlafen die Magie der Liebe ihres Lebens. Vielleicht, so nah wie den Tod, zum allerersten mal.

Lebe wohl, kleiner Schmetterling. Kommst ja doch nicht mehr wieder.

(jesus.de)

Pastor Storch: Das Wortbuch


Zunächst einmal die gute Nachricht. Storch schreibt vom Wort Gottes, das uns den Mensch gewordenen Christus erkennen lassen soll. Nun die bessere Nachricht: Gott hat in Christus bereits alles geschaffen, um ihn erkennen zu können. Und dann die beste Nachricht: Gott will, dass wir uns des Wortes bedienen und Christus ähnlicher werden.

Das Buch ist eigentlich ein Nebenprodukt aus einem Prozess des Betens und Meditierens. Eine Zusammenfassung von Predigten, die allesamt schon gehalten wurden. Am Zuhörer getestet, sozusagen. Die Einzelteile zusammengefasst werden zum Buch. Und das funktioniert sogar gut.

Provokation steckt in dem Wort. Denn Pastor Storch schreibt und predigt nicht gerade so, dass es auf Anhieb wohl tut. Es ist zum Eckstein geworden. Der Autor will die Erkenntnis verbreiten, dass Gott etwas Besseres für uns hat als das, in dem wir gerade leben. Die Veränderung des Wortes wirke vom Ausgangspunkt, an dem wir stehen, hin zu dem Endpunkt, an dem wir in Christus sind. Die Voraussetzung für Veränderung sei aber der Lebensstil der Buße. Dieser Lebensstil beginne, wenn “wir von Gott permanent Augensalbe kaufen, um unseren wirklichen Zustand zu sehen.”

Zu nah rückt Storch mit diesen Thesen keinesfalls. Er predigt nicht mit erhobenem Zeigefinger, denn der Leser selbst muss sich auf diesen Weg machen. Storch sieht das Reden Gottes als eine Sprache, die jeder für sich selbst hören kann – ganz persönlich. Den Leser spricht er deshalb direkt mit einem “Du” an.

Der Prediger der Jesus-Freaks spricht keine formelle Einladung aus. Er überzeugt mit Substanz und Tiefgang. Freimütig erzählt er von sich und wie es gekommen ist, dass das Wort reichlich in ihm wohnt. Er sei “Boden”, sagt er, und das Wort bezeichnet er als den Samen, der darauf falle. Auf den steinigen Boden, den dornigen und den guten. Jeder, so meint er, vereine in sich verschiedene Anteile dieser Böden. Trifft der Samen den richtigen Boden, wird der Samen in das Denken hinein gegraben. Damit der Same Frucht bringe. Die Frucht ist die gottgegebene Buße und die Veränderung.

Auf den letzten Seiten trifft Storch doch noch eine steile Wortwahl und überschüttet den Leser mit Extrempositionen aus der Erkenntnistheorie. Sich selbst bezeichnet er als Konstruktivist. Seine Erkenntnis, in den eigenen Worten immer unvollständig zu bleiben, beeindruckt stark. Für den Leser erhofft er den Segen, wie er ihn beim Schreiben empfangen habe. Ein ehrenwerter Gedanke.

( jesus.de)